NOTIZEN

aus

»Den Kern der Täuschung verfehlen«

Hrsg.: Institut für moderne Kunst, Nürnberg
2020

Fluchtversuche &
Scheinziele

1.9.2019
Heute habe ich ein neues Werkzeug gefunden. Jetzt bloß keine Ideen haben, bevor es mich an die Hand nimmt, um seine eigene Sprache zu finden.

2.9.2019
Es gibt Reinigungskräfte und es gibt Verunreinigungskräfte, beide wohnen in mir. Es gibt eine Chemikerin, aber es gibt keine Chemie. Es gibt eine Meisterin, aber tatsächlich ist sie ziemlich glatt, wie ein Kleber, sie
möchte anhaften und gefallen, sie ist strebsam, auch wenn niemand sie so nennt.

5.9.2019
Es geht nicht um mich, aber möglicherweise geht es darum: meine Limitierungen zu finden.

7.9.2019
Wenn du weniger Essen isst, nur ein paar Tassen Kaffeeperlen im Monat trinkst, kannst du den letzten Punkt der Freiheit halten, den ich mir spare, warum?

9.9.2019
Im Institut für moderne Kunst lese ich bei Willi
Baumeister: »Die Treue zu sich besteht aber in der Kunst darin, immer wieder den Sprung ins Ungewisse zu wagen,
auch auf die Gefahr hin, zu irren.«

10.9.2019
Dreitausend Pinselstriche. Wenn sie zusammen spielen, kommt es zu Materie. Eine höfliche Geste, die Geduldskarte zu spielen und nicht einzugreifen,
wurde von sich erbeten.

14.9.2019
Die Ausdauer an der Auflösungsarbeit variiert nach einem geheimnisvollem Kriterium, dasjenige nämlich, das daraus entsteht, dass das Studio der Ort ist, an dem ich mich brauche, ohne an mich zu denken.

15.9.2019
Oft sind es dieselben Gründe, die einen in die Flucht jagen oder zum Bleiben veranlassen.
Die Widersprüche, das Ergebnislose, das Schaudern vor dem Moment, in dem das Denken sich selbst nicht mehr folgen kann.

16.9.2019
Eine ernstzunehmende Zerstreuung.

18.9.2019
Ich bin nicht nur das, was sich hier auf
dem Stuhl versammelt hat. Gleichzeitig verschimmeln die Bohnen im Zellophan.
Sie flüstern mir zu: »Wir simulieren gemeinsam eine Wirklichkeit in ungeordneter Sprache.«
Ich antworte: »Komm, wir werden weiter«.

1.10.2019
Es kommt weder zu einem vollständigen, noch zu einem organisierten Denken.

6.10.2019
Habe das Papier in eine Wanne mit Farben gestellt. Sie sind alle zusammen. Über Nacht werden sie sich trennen, indem sie aufsteigen. Es geht im Kreis.
Ein Prisma für Dunkelheiten. Alles verdichtet sich. Nachdem das Schwarz das Filterpapier durchwanderte, zerlegte es sich in seine Bestandteile, beschreibt eine verborgene Vielzahl.

8.10.2019
Ich gehe schlafen, das malt sich von selbst, das Filterpapier macht dort weiter, wo ich aufhöre.
Nach dem Aufwachen sieht es auf fantastische Weise locker und schlecht gemacht aus.

12.10.2019
Auf dem umständlichen und langsamen Weg zur Unkenntnis gelangen, um anfangen zu können.
Ein Studium zufälliger Begegnungen.
Den Bewegungen nachgehen, ohne zu wissen, was ich suche.
Dem, was sich entwickelt, nicht im Wege stehen.
Sich verunreinigen lassen durch Fundstücke, Fragmente, zu vieles, um es zählen zu können.
Ich wähle einen Ausschnitt.
Was einem nach Beweisen suchenden Blick entgangen ist…
Stinkendes, Zerbrechliches, etwas das abfärbt.
Etwas, das seine Wirkung an anderer Stelle erst zeigt.

20.10.2019
Von den Pfaden, für die Täuschung ein Mittel ist, um sich Freiheiten zu verschaffen, halte ich mich ab. Ich verbiete mir, mich herzustellen.
Die Geschenke dieser Freiheiten, ihre Voraussagen, sind mir zu bestimmt und ich frage mich, ob es sein kann, dass sich die Wege schon davon gemacht haben, die sie uns versprechen?
Die Anzahl der Knochen meines Körpers wird mit 206
benannt. Aber ich habe das Empfinden einer zusätzlichen Rippe auf der linken Seite, bin mir nicht sicher über die Lage meines Herzens und möchte auch äußerlich eher formlos genannt werden. Da ich mich innerlich nicht überprüfen kann, wäre das nur gerecht.

24.11.2019
Studio: Hier gibt es nur zwei Beleuchtungen, Zigaretten und Neonlicht. Ich schaue den Farben beim Aufsteigen zu und den Filtern schaue ich zu, wie sie zer-
brennen. Mit der Illusion eines festgelegten Endpunktes werde ich nicht fertig, auch dann nicht, wenn es nur einer von vielen sein soll.

21.12.2019
Ich bin es leid, die andere Seite, die Seite ge-
krümmter Bücherwesen, dazu zu bringen hinauszugehen, um festzustellen, dass die Menge duftet.
Auch hier werden Windböen vom Atem eines Lebewesens umher geblasen, wird Staub aufgewirbelt, gibt es keine Antworten auf die kleinen Beunruhigungen.

28.12.2019 Das Kind sagt: »Aua«, ich frage: »Wo tut es weh?«, es sagt: »Da drüben.«

2.1.2020 Je mehr ich auf sie zuzugreifen versuche, um so mehr verhärtet sich die Welt.

3.1.2020 Sonntag habe ich einen Satz aus mir herausgehetzt, er war ganz gut.

4.1.2020 Hier ein wandelnder Widerspruch sein.
Die gekrümmte Linie als Maß nehmen.
Da, wo es schwammig wird, stellt sich eine Empfindung von Zusammenhalt ein.

5.1.2020 Leise konfrontiere ich den Pinsel mit dem Lineal. Leute, die gelegentlich vorbeischauen, werfen ihre Blicke.

6.1.2020 Ich halte die Täuschung kaum lange genug vor mir verborgen, ich weiß ja doch, dass es ein Schwindel ist.

7.1.2020 Wenn man sich mit Feiertagen im Süden nicht
auskennt und den ganzen Tag aquarelliert hat, um dann
im Burger King gesagt zu bekommen: »Der Rebel Burger dauert lange«, dann sitzt man auf der Bank und wartet. Rückenlehne aus Buchenholz-Imitat, mit einem eingelas-
senen Schriftzug, in handschriftlichem Stil, da steht: »Geschmack ist King«. Kurz raschelt es im Archiv und F.E.W. ruft aus den fernen ersten Hochschultagen:
»Geschmack gibt es nicht!« Da kommt das ganze Sich-selbst-
Torpedieren im Elfenbeinturm stillschweigend zu einer vollkommenen unklaren Pointe.
Dem Rebel Burger musste man sich zuordnen, weil klar ist, dass der gesamte Organismus für einen Doppelcheesewhopper überhaupt nicht genügend Vorbildung hat.

9.1.2020 Expressfrühstück im Bambusgarten.
Eklektische Vogelstimmen verführen mich dazu, mich regungslos treiben zu lassen. Ich weiß das es ein Betrug ist, dem ich nachgebe.
Die zielgerichteten Handlungen minimieren.
Koi-Karpfen bei Zoo Kölle fütternd denke ich, dass dieser Vorfall zu einer Person geworden ist, die sich unruhig und strebsam fühlt.

10.1.2020 Während ich meine Stimmung in einem Taxi reiten lasse, mich auf die Blumengeschichte und den Regen konzentriere, versuche ich den Gedanken an den Tag zu vertreiben, an dem man stattfindet.

11.1.2020 Ich wünschte, ich könnte die Uhr lesen, dann würde ich sie bis drei Uhr nachts lesen.
Eine Drei-Uhr-Challenge machen. Ich will endlich, dass mich der Teufel auch mal anhaucht.

14.1.2020 Das Flattern, das durch den Regen gelaufen kam. Fluchtversuche und Scheinziele.

17.1.2020 Bis hierhin ging es gut ohne Ideen, jetzt kommt das erwartungsvolle Schaudern.
Verwässert, verdünnt, unbegleitet, ausufernd.
Um sich greifend.

22.1.2020 Abenddämmerung.
Ein älterer Herr ordnet Pappkartons in einem Hinterhof, ich sehe ihn von der Erhöhung meiner Terrasse aus. Eine Traurigkeit von hundert oder tausend Jahren Wiederholung durchströmt ihn.

30.1.2020 Ich habe verdrängt, dass es ein Format zu füllen gilt. Ich habe ausgeblendet, dass man das alles räumlich abdichten muss, dass am Ende eines Experimentes zwangsweise die Auswertung steht, und dass das bedeutet, einen Raum zu füllen, in dem ich nicht anwesend bin.

5.2.2020 Gestern habe ich wohl den Anschein hinter-
lassen, als gäbe es hier etwas von innen zu sehen.
Das sich eine Ernte aus den Inneren Kämpfen ergeben würde. Natürlich nicht.
Trotzdem war es sehr bequem zu plaudern.
Es war sehr warm. Konfuziös vielleicht.

6.2.2020 Ein Tag, der mit Spektrum beginnt, mit Spektrum bezahlt wird und mit Spektrum endet.

Wir sind alle Behälter von Licht und Salz.

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Freunde am Spatzentisch

Ich gehe in die Mitte des Tages,
einen Blick auf die Außenfeuer werfen.
Ihr Verlangen nach dem Verlangen.
Kohlenstoff im Leben, Fliegendes, Bestien!
Schwere Verluste.
?
“Geliebte Freunde am Spatzentisch,
ich werde es mir mit dem Feuer gut gehen lassen.”
?
Das Handwasch-Lied singend,
alberne Haare und Fu?ße.
Ich bin bereit,
euch ein Leben lang zu fu?ttern.

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Geparde

Text auf dem Bett gelesen,
ein Spuk in meinem Geist.

Der Kampf hat seit mehr als einem Monat,
vom zitternden Herzen bis zum gestrigen Ausbruch von
krasser Gewalt, eine andere Aussicht:
Die Entschlossenheit, formlos zu sein.

Niemand zu sein an dem Ort, wo ich wohne.
Politisch falsch ausgesucht.

Schwarze Kleidung
Helme
Augenmasken
Klammern
Kupferdraht
Leder
Kleber
ist nicht unsere Sommerkleidung.
Der Stock ist die Menge der Menge.

Die nicht wechselseitige Behandlung von Angst,
ging u?ber in den wandernden Blick
und ohne Reue in die Nacht.

(Im Moment muss ich mehr freundlich und freundlicher sein.
Kraft des Schutzes, der festen Ausdauer, der schnellen Belastung
und des richtig gewählten Zeitpunkts.)

Es häufen sich
Stu?ck fu?r Stu?ck
die Zaumzeuge
bis zu dem Tag
an dem die Glut aufsteigt.

In unserem Bewusstsein ist der blinde Fleck ein Spielfeld.

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18 Gebiete

Überall,
in den 18 Gebieten des täglichen Lebens,
blu?hen.

Zarter Saum der Täuschung,
Elektronische Streichhölzer setzten ihn in Brand.

Vor dem Arbeitsamt blu?hen.
Im Strohfeuer glu?hen.
Über dem Ku?chentisch blu?hen und schweigen.
Ins Abwaschwasser hineinglu?hen,
wie ein Mensch, der sich zwingt keine Meinung zu haben.
Zur Mitte hin brennen die Augen.

Dreitausend Pinselstriche u?ber das Blatt treiben,
sich selbst vertreiben und blu?hen.

Ein selbstgefertigtes Halbfertigprodukt,
eine halbe Tasse Tee.
Offensichtliche Grundvoraussetzungen.
In der Tat ist hier
ein ausgeweideter Geist ohne Magenschmerzen gefunden worden.
Er versäumte die Trauben der Wut zu ernten,
wieder vertäut sich sein Aufruhr im Wind.

Oder ist es schon der Wiedergänger,
der alleine in dunklen Wellen treibt?
Und ohne zu zögern, am hohen Aufstieg
in andere Körper fällt?

Es stellt sich heraus, dass es Licht ohne Ruhe gibt.
Auch wenn aus dem Himmel eine Schachtel Erbsen fallen wu?rde,
wäre das ok.

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Engel in der Kuppel

Vielleicht an der Kleiderordnung ersichtlich,
Menschen die Obst lieben.
Vor allem solches mit feinem Duft.
Die Ärmel sagen, dass sie freundlich und geduldig sind.
Bereit anderen zu helfen, auch wenn sie ihre Hilfe nicht anbieten
und sich in Schwierigkeiten bringen,
wenn sie eine Untersuchung planen.

Sie haben Persönlichkeit, aber nur andeutungsweise
und verfu?gen u?ber sich, wie u?ber ein Gefäß.
Luft ist in Abendsonnenschleiern um ihre Fu?ße gelegt.
Als solide Existenz eines unwirklichen Schattens
schauen sie herab zu uns.

Im unteren Bereich der Kuppelgeschichte,
sehen die meisten Leute gelangweilt aus, wie auf einer Party.
Wenn sie Angst haben zu tanzen, bemu?hen sie sich gut zu riechen.
Es ist eine Vernebelungsstrategie.
Die Kameraden lachen alle,
aber einige lachen nur, wenn sie andere lachen sehen.

Ich sehe dein Lachen als etwas anderes.
Sein Echo hat sich fein verteilt.
Du hast viele Augen.
Gemalte.

Es ist Weihrauch,
wenn auf der Suche nach einem Waffenlager
in einem anderen Gesicht,
der Ausdruck des Erstaunens mir begegnet.

Auf der Suche nach einer Duftmenge gingen wir nach draußen.
Ich möchte festhalten, dass die Menge selbst duftend ist
und aufsteigt,
sie kondensiert im Gewölbe.
Ihre Stimmen streben nach der Unwilligkeit, sich zu verfestigen.

Ich frage mich wie, wenn nicht im Zusammensein mit Fremden,
könnte es in meinem Kopf bequem werden?
Das wu?rde es nicht.

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Hohe Wände

Heute ist der zweite Tag der dicken Mauer.
Nur Eier und hohe Wände stehen auf der Seite des Eis.

Wir mu?ssen uns vorbereiten und alleine sein,
uns reinigen und die Miete bezahlen.
So viele Eier mu?ssen Mauern bauen
und wagen, sich zum Werkzeug zu machen.

Wussten Sie, dass wir nichts umsonst tun?
Denken Sie, wir verkaufen Blumen wie Blumen?

Alles versucht, Wörter zu rekrutieren.
Verpulverte Meinungen und Schwerkraft,
die wir zu ertragen haben.
Diese Munition reitet die Leute.
Sie ist durch sich selbst in Gefahr, den Inhalt zu verlieren.
So wie schnelle Hu?lsen ohne Fu?llung ankommen,
lassen sie Entzu?ndungen zuru?ck.

Aus der Leere-Muscheln-Firma antwortet es:

Pfft.

Anstatt zu sagen: “Dieser Ort braucht mich.”
Warum nicht sagen: “Ich brauche einen Ort, an dem ich mich selbst brauche?”?

Das Ei zerbrechen.

Einmal
– später –
gingen die dann Enttarnten direkt nach Hause.
Sie waren erstaunt, wie wenig enttäuscht sie waren.
Die Blätter wurden braun,
die Wände gelb und grau,
als das Gewicht abfiel.

Noch immer sind wir Behälter von Licht und Salz.

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.ABC

Ausschütten
Brechen
Chromatographieren
Durchleuchten
Einbrennen
Fingieren
Geistern
Hauchen
Inszenieren
Jagen (auf der lauer liegen)
Kooperieren
Lüften
Materialisieren
Nachdenken
Offenlassen
Personifizieren
Qualmen
Reimen
Schaudern
Tischlern
Umfrieden
Verlernen
Wiederverwerten
Xerokopieren
Zeichnen
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